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Bilsenkraut

Bilsenkraut
© Sertürner Bildarchiv

Botanische Bezeichnung

Schwarzes Bilsenkraut – Hyoscyamus niger L.

Familie

Nachtschattengewächse (Solanaceae)

Wissenswertes zur Pflanze

Das Bilsenkraut ist eine in Europa heimische Giftpflanze (!), auch kommt es in Asien bis zur Mongolei und im nördlichen Indien vor; außerdem wächst es in Nordafrika; in Nordamerika und Australien eingeschleppt. In Deutschland wächst es vorwiegend in den wärmeren Gegenden, an lichtreichen, sonnigen Stellen, gerne auf Schuttplätzen, an Wegrändern und am Fuß von Mauern.

Der Gattungsname Hyoscyamus kann mit „Schweinebohne“ übersetzt werden, von gr. ‚hyos‘ (= Schwein) und ‚kyamos‘ (= Bohne). Damit ist die Kapselfrucht gemeint, deren Wirkung auf Schweine unterschiedlich gedeutet wird. Eine Deutung ist, dass sie für Schweine besonders giftig ist, eine andere Deutung sagt, dass Schweine die Kapsel fressen können, ohne Schaden zu nehmen. Das Artepitheton niger (lat. ‚niger‘ = schwarz) nimmt auf die dunkelrot-violetten Flecken im Rachen der weißgelben Blüten Bezug. „Bilsenkraut“ entstammt vermutlich der Sprache der alten Kelten, die einen Gott Belenos verehrten.

Das Bilsenkraut ist ein- bis zweijährig, bis 50 cm hoch, mit drüsig-zottig behaartem Stängel, sich dadurch etwas klebrig anfühlend. Die Blätter sind 20 cm lang, am Rand großbuchtig eingeschnitten. Die schmutzig-gelbliche, trichterförmige, fünfzipfelige Blüten­krone wird durch dunkelviolette Netzadern durchzogen und steht in einem krugförmigen, drüsig-zottig behaarten Kelch mit 5 zugespitzten Zähnen. Die Frucht ist eine bauchige Deckelkapsel mit bis zu 200 nierenförmigen, graubraunen Samen. Blütezeit ist Juni bis Oktober.

Arzneilich verwendete Pflanzenteile (Droge)

Verwendet werden die getrockneten Blätter oder die getrockneten Blätter mit blühenden und gelegentlich Früchte tragenden Zweigspitzen (Hyoscyamusblätter/Bilsenkrautblätter – Hyoscyami folium). Die Droge des Handels stammt aus Wildsammlungen osteuropäischer Länder.

Inhaltsstoffe der Droge

Bilsenkraut enthält stark wirkende Tropanalkaloide, die wichtigsten davon sind (-)-Hyoscyamin und (-)-Scopolamin. Die Tropanalkaloide sind für die Giftigkeit der Pflanze verantwortlich.

Qualitätsbeschreibungen

Die beiden Ph. Eur.-Monographien, Hyoscyamusblätter (Hyoscymi folium) und Eingestelltes Hyoscyamuspulver (Hyoscyami folii pulvis normatus), wurden im Jahre 2002 nicht mehr in die Ph. Eur. 4.0 übernommen; demnach steht für Hyoscyamusblätter (Hyoscyami folium) keine Arzneibuch-Qualitätsbeschreibung zur Verfügung.

Medizinische Anwendung

Anerkannte medizinische Anwendung

Das Bilsenkraut ist eine sehr alte Heilpflanze und wurde früher als Schlafmittel eingesetzt, die frischen Blätter auch zu schmerzstillenden Umschlägen. Im Mittelalter verwendeten die Ärzte Bilsenkraut wie Chloroform zur Betäubung, außerdem fand es bei Zahn- und Kopfschmerzen, Ruhr und Schlaflosigkeit Verwendung. Es wurde auch bei religiösen Zeremonien verwendet. Im Mittelalter galt es als „Hexenpflanze“ und war Bestandteil von „Flugsalben“, mit deren Hilfe sich die sogenannten Hexen in die Luft erheben konnten. In vielen Geständnissen von Frauen unter Folter wird Bilsenkraut als Mittel zur Magie genannt.
Wegen der geringen therapeutischen Breite (starke Giftwirkung der Tropanalkaloide!) wird Bilsenkraut heute nicht mehr verwendet. Die in Bilsenkraut enthaltenen Alkaloide (Hyoscyamin, Scopolamin) sind in reiner Form stark wirksame Arzneimittel. Für eine phytotherapeutische Verwendung von Bilsenkraut gibt es keine wissenschaftlichen Erkennt­nisse, weshalb das HMPC die Ausarbeitung einer Monographie bereits im Jahre 2011 eingestellt hat. Auch ESCOP hat keine Monographie erstellt. Die Kommission E hat 1988 noch eine Monographie erstellt, das Anwendungsgebiet lautete dort: Krampfzustände im Bereich des Gastrointestinaltraktes; nach heutigen Erkenntnissen soll Bilsenkraut phyto­therapeutisch jedoch nicht mehr verwendet werden.

Traditionelle Anwendung

Wegen des Gehalts an stark wirksamen Alkaloiden verbietet sich eine Einstufung von Bilsenkrautblätter/Hyoscyamusblätter als pflanzliches traditionelles Arzneimittel im Sinne des § 39a AMG.

Arzneiliche Drogenzubereitungen in Fertigarzneimitteln

Keine; zum Anwendungsgebiet von Atropin (razemisches Hyoscyamin) und Scopolamin siehe die Monographien Tollkirsche bzw. Stechapfel.

Dosierung

entfällt

Bereitung eines Teeaufgusses

entfällt

Hinweise

Hyoscymusblätter/Bilsenkrautblätter sind giftig (starke zentrale Wirkung!), sodass eine Anwendung der Droge bzw. der Fertigarzneimittel nur unter der Aufsicht des Arztes in Frage kommt. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren dürfen Hyoscymus­blätter/Bilsen­krautblätter nicht anwenden.

Literaturhinweise

Drogenmonographien

Kommission E

Weiterführende Literatur

Schilcher: Leitfaden Phytotherapie
Van Wyk: Handbuch der Arzneipflanzen